Arsalans Tor zur Welt

Die START-Stiftung fördert begabte Migrantenkinder, um ihre Bildungschancen zu verbessern

Von Ulrike Schnellbach

Kenan ÖnenArsalan Moradi-Chargari
Kenan Önen & Arsalan Moradi-Chargari – Foto: Ulrike Schnellbach

Beim Abschied stehen die Beiden vor der Glasvitrine im Flur und betrachten ihre Pokale, rund ein Dutzend an der Zahl. „Die START-Fußballmannschaft“, sagt Kenan Önen, der drahtige Mann mit dem grauen Stoppelhaar, stolz. Arsalan Moradi-Chargari, einen Kopf größer und eine Generation jünger, nickt. „Ich bin zwar gar nicht mehr Stipendiat, aber ich spiele immer noch jeden Dienstag mit Herrn Önen Fußball, das macht Spaß. Und ich bewundere seinen Kampfgeist, im Fußball wie im Leben.“

Kenan Önen, 47, Geschäftsführer der START-Stiftung für junge Migranten, ist Arsalans Vorbild: „Der hat das ganz alleine geschafft. Und wir haben noch Hilfe dazu, also können wir das auch“, sagt der junge Mann mit dem gegelten schwarzen Haarschopf. Und lächelnd setzt er hinzu: „Ich  hoffe, dass ich eines Tages so hoch steige wie er – vielleicht noch höher.“

Der 21-jährige gebürtige Iraner, der seit zehn Jahren in Deutschand lebt, ist auf dem besten Weg: Er studiert Wirtschaftswissenschaften und legt dabei eine beträchtliche Zielstrebigkeit an den Tag, wie Kenan Önen zufrieden feststellt. Aber Önen hat schon an Arsalan geglaubt, als der noch auf der Hauptschule war, und Önen selbst hat einiges dazu beigetragen, dass er Recht behielt.

Ein Näschen für ein Zukunftsthema

Im Jahr 2002 wurde START als Projekt der gemeinnützigen Hertie-Stiftung aus der Taufe gehoben, und Önen wählte Arsalan als einen der ersten 20 Stipendiaten aus. Seither begleitete er ihn auf seinem Weg durch Realschule und Gymnasium, ermutigte ihn, sich zum Schulsprecher wählen zu lassen, und auch dazu, das Studium zu beginnen.

Wo wäre Arsalan heute ohne diese Unterstützung? „Vielleicht“, sagt er zögerlich, „vielleicht hätte ich das Abitur geschafft. Aber sicher nicht mit 1,4. Und ich glaube nicht, dass ich studiert hätte. Ohne Unterstützung ist es sehr mühsam.“

Mit START hat die Hertie-Stiftung ein Näschen für ein Zukunftsthema bewiesen, als es noch nicht in aller Munde war: die Förderung begabter Einwandererkinder. „Wir sind schon vor der ersten PISA-Studie an den Start gegangen“, sagt Kenan Önen selbstbewusst. Dass Kinder aus Migrantenfamilien schlechte Chancen im gegliederten deutschen Schulsystem haben, ist mittlerweile als Missstand erkannt: Auch bei gleicher Begabung und gleichen Leistungen werden sie sehr viel seltener aufs Gymnasium geschickt als ihre deutschen Klassenkameraden.

Dabei geht der Gesellschaft ein Potential verloren, das sie dringend bräuchte. Dass ausgerechnet Kenan Önen da seit fünf Jahren nach Kräften gegensteuert, ist kein Zufall. Er hat die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems am eigenen Leib erfahren.

„Schlummernde Talente bleiben oft unentdeckt“

Als Achtjähriger war er mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland gekommen, und natürlich bekam er auf der Grundschule keine Gymnasialempfehlung. „Durch Zufall erfuhr ich, dass mein Kumpel Gerhard eine hatte“, erzählt er, „und da habe ich mich gewundert. Ich war doch genauso gut.“ Auf eigene Faust legte er die Aufnahmeprüfung ab – als Bester. „Gott sei Dank habe ich damals ein paar Fragen gestellt“, sagt Önen lächelnd, „sonst wäre ich heute nicht hier.“

Jetzt sitzt er in seinem schicken neuen Büro an der Frankfurter Hauptwache – die Stiftung ist gerade umgezogen, alles ist noch recht kahl, aber auf dem Regal stehen schon die Fotos seiner drei Kinder. Sie haben türkische Vornamen, aber der Vater achtet darauf, dass sie viel mit deutschen Kindern spielen und dass sie lesen, lesen, lesen. „Ich bringe immer Bücher mit.“ Önen fördert seine Kinder und seine Schützlinge bei START, wie seine eigenen Eltern ihn nicht fördern konnten. Er weiß: Viele, die nicht so selbstbewusst waren wie er, sind auf der Strecke geblieben. „Bis heute werden schlummernde Talente oft nicht entdeckt.“

Das wäre auch bei Arsalan Moradi-Chargari beinahe passiert. Als seine Familie vor zehn Jahren nach Deutschland kam, war Arsalan elf. Sie sprachen nur persisch, und sie kannten das deutsche Schulsystem nicht. So ging der Junge einfach zur nächstgelegenen Schule und wurde – auf die Hauptschule geschickt. „Ich konnte kein Deutsch, und etwas anderes wurde nicht getestet“, sagt er. Er bekam auch keinen Sprachkurs.

„Für Migrantenkinder ist die Realschule schon ein Highlight“

Seine Eltern erklärten ihm, Bildung sei das Tor zur Welt, und drückten ihm ein deutsches Lesebuch in die Hand, dazu ein Wörterbuch. „So saß ich tagelang und versuchte zu lesen“, erinnert er sich. Arsalan suchte von Anfang an Kontakt zu Deutschen, er war ehrgeizig, und zum Glück hatte er einen Lehrer, der seine Begabung sah und ihn auf die START-Stiftung aufmerksam machte – Arsalans Tor zur Bildung.

„Bei START habe ich andere getroffen, die denselben Weg gewählt haben, das ist eine wichtige Bestätigung“, sagt Arsalan. „Für die meisten Migrantenkinder ist die Realschule schon ein Highlight.“ Durch die Stiftung bekam er endlich den Deutschkurs, den er dringend brauchte: Seinen ersten Aufsatz auf dem Gymnasium hatte er mit einem Punkt zurückbekommen. Im Abitur zwei Jahre später schrieb er 13 Punkte, Eins minus.

Das Stipendium bescherte ihm darüber hinaus monatlich 100 Euro für Bücher, Theaterbesuche oder CD-Roms und einen Computer mit Internetzugang. „Das war eine ganz, ganz große Sache“, sagt er mit einem Leuchten in seinen tiefschwarzen Augen. „Bis dahin war ich der einzige im Freundeskreis, der das nicht hatte.“

Die komplizierte Sache mit dem Besteck

START hat bei Arsalan Moradi-Chargari das geleistet, was das Elternhaus nicht bieten konnte. Im Iran war sein Vater Bankangestellter gewesen, die Mutter Hausfrau. Hier arbeitet der Vater am Fließband, die Mutter in einer Wäscherei. „Meine Eltern haben mir den Weg „Bildung“ gewiesen, und Herr Önen hat mich an der Hand genommen, damit ich nicht in Schlaglöcher falle“, sagt Arsalan. Önen kannte nicht nur die Probleme, er hatte auch Lösungen parat, zum Beispiel den Deutschkurs oder die Idee, dass die Stipendiaten sich gegenseitig Nachhilfe geben.

Auch bei den Seminaren der Stiftung zu gesellschaftspolitischen und lebenspraktischen Themen hat Arsalan Vieles gelernt, das ihm bis heute nützt. Als erstes fällt dem jungen Mann mit dem gepflegten Kinnbart und den feinen Koteletten ausgerechnet der „Knigge-Kurs“ ein: Da habe er gelernt, wie stark man bei der Begrüßung die Hand drückt und dass man bei Tisch das Besteck von außen nach innen nimmt – „so etwas gab es bei uns zu Hause ja nicht.“ Als die Stipendiatengruppe einmal mit Michael Endres bei einem Abendessen saß, dem ehemaligen Deutsche Bank-Manager und Vorstandsvorsitzenden der Hertie-Stiftung, da habe ihm das geholfen.

Kontakte herstellen: Das ist neben der finanziellen und der ideellen Förderung der Stipendiaten ein weiteres Anliegen der Stiftung. Deshalb gibt es mal ein Essen mit Herrn Endres, mal einen Besuch bei der Lufthansa oder bei Daimler. Auch die Politik zeigt Interesse: unlängst ein Termin mit Finanzminister Steinbrück und ein Empfang beim Bundespräsidenten.

„Der gelungenen Integration ein Gesicht geben“

Dass die Hertie-Stiftung mit dem Programm einen Nerv getroffen hat, lässt sich am rasanten Wachstum ablesen: Gestartet 2002 mit 20 Stipendien in Hessen, fördert die START-Stiftung heute bundesweit 500 Schülerinnen und Schüler, dazu einige in Wien und demnächst auch in der Schweiz. 90 Kooperationspartner unterstützen das Programm mit Geld und Manpower.

Ihr gemeinsames Ziel ist es, eine Migranten-Elite zu etablieren, aber, wie Kenan Önen betont, „keine Ellbogen-Elite, sondern eine Geistes-Elite, die etwas für diese Gesellschaft leistet“. Damit will START auch einen Kontrapunkt setzen gegen die negativen Nachrichten, mit denen üblicherweise Ausländer, vor allem der Islam, in Verbindung gebracht werden. Önens Wahlspruch: „Der gelungenen Integration ein Gesicht geben.“

Zum Beispiel Arsalans Gesicht. Bei ihm hat der Gedanke der Stiftung gefruchtet, dass die Stipendiaten nicht nur für sich selbst arbeiten, sondern auch andere durch ihr Beispiel mit hochziehen sollen. Neulich wurde er von einer befreundeten iranischen Familie zu Rate gezogen, ob der Sohn nach der Realschule eine Ausbildung machen oder aufs Gymnasium wechseln solle. „Ich habe natürlich zum Gymnasium geraten“, sagt Arsalan und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und ich werde den da auch durchschleppen.“

 

Infobox

Kenan Önen, 1960 in Ankara geboren, kam mit acht Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland und hat heute nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Er studierte in Freiburg Politikwissenschaft und promovierte über den Beitrag türkischer Vereine zur Integration. Seit 2002 ist er Geschäftsführer des START-Stipendien-Programms der Hertie-Stiftung. Önen ist mit einer türkisch-stämmigen Ärztin verheiratet und hat drei Kinder.

Arsalan Moradi-Chargari, 1986 im Iran geboren, kam 1997 als Flüchtlingskind nach Deutschland und ist seit 2006 deutscher Staatsangehöriger. Er gehörte zu den ersten 20 Stipendiaten des START-Programms und studiert heute in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften mit Fachrichtung Finanzen.

Die START-Stiftung und ihr Stipendienprogramm:



Erschienen in Publik-Forum 4 / 2008

© Ulrike Schnellbach – Abdruck nur nach Rücksprache mit der Autorin

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